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Mehr Sicherheit - auch bei einem Flugzeugabsturz



Stuttgarter Zeitung, 02.11.01

> Mehr Sicherheit - auch bei einem Flugzeugabsturz
> Der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz fordert ein 
Mehrbarrierensystem an den Atomzwischenlagern
 
Wie sicher sind die Atomanlagen in Deutschland? Angesichts der aktuellen 
Diskussion fordern Experten jetzt verstärkte Schutzvorkehrungen.

Von Klaus Wittmann, Augsburg

Bei der Diskussion über die Sicherheit von Atomanlagen in Deutschland ist 
ein wichtiger Aspekt bezüglich der Atomzwischenlager nicht berücksichtigt 
worden. Bisher war immer von einer Betriebsdauer der Zwischenlager von 40 
Jahren die Rede. Dann soll der Atommüll in ein bis dahin zu schaffendes 
Endlager verbracht werden. "Wir dürfen dabei jedoch die Mox-Brennelemente 
nicht vergessen, die einer weitaus längeren Abklingzeit bedürfen", warnt 
der Reaktorsicherheitsexperte Richard Donderer vom Physikerbüro Bremen. 
Die Mox(Mischoxid)-Brennelemente, die unter anderem im größten deutschen 
Atomkraftwerk in Gundremmingen eingesetzt werden, hätten nach 50 Jahren 
noch immer eine dreifach höhere Zerfallsleistung als vergleichbare 
Uranbrennstäbe.

Was das bedeutet, macht der internationale Atomberater und Träger des 
alternativen Nobelpreises, Mycle Schneider, deutlich. "Wenn man bei 
Uranbrennstäben 40 Jahre rechnet, bis sie ins Endlager gebracht werden 
können, muss man bei gleichem Endlagerkonzept bei Mox-Brennelementen 
wegen der höheren Nachzerfallswärme 140 Jahre rechnen." Das heißt, so der 
Leiter des Energieinstituts Wise in Paris weiter, dass die Befürchtungen 
der Zwischenlagergegner berechtigt seien, dass die Atomlagerhallen weit 
über die 40 Jahre hinaus betrieben werden dürften.

Aus dieser Erkenntnis wiederum schließt der Bremer Physiker Donderer, 
dass die zwölf deutschen Zwischenlager deutlich besser als bis jetzt 
geplant geschützt werden müssen. Vor diesem Hintergrund kommt der 
aktuellen Diskussion über unterschiedliche Wandstärken bei süd- und 
norddeutschen Zwischenlagern eine besondere Bedeutung zu. Der Präsident 
des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, fordert deshalb 
mit Nachdruck das so genannte Mehrbarrierensystem. Anders als in den 
Planunterlagen der Betreiber RWE und Eon müssten nicht nur die in den 
Zwischenlagern abgestellten Atombehälter einen Flugzeugabsturz sicher 
überstehen, sondern auch die Hallen selbst entsprechenden Schutz bieten.

Der Direktor des Atomkraftwerks Gundremmingen, Gerd von Weihe, beharrte 
freilich bei der Günzburger Zwischenlagererörterung jüngst darauf, dass 
die Halle an sich keinen Schutz bieten müsse. Allein die Sicherheit der 
Atombehälter sei ausreichend.

Experten wie der Physiker Richard Donderer halten angesichts der 
aktuellen Diskussion über die Sicherheit kerntechnischer Anlagen jedoch 
den Mehrfachschutz für unumgänglich. "Wir können hier wenigstens noch 
reagieren und die Zwischenlagerhallen sicherer machen, das geht bei den 
Atomkraftwerken nicht mehr." Lediglich bei einem Teil der Kernkraftwerke 
seien nachträglich verstärkte Schutzvorkehrungen realisierbar. Offen gibt 
er zu, dass er "in gewisser Weise ratlos" sei. Dies vor allem, wenn man 
bedenke, dass Atomkraftwerke Langzeitverseucher seien. In jedem Fall aber 
müsse zügig entschieden werden, wie und wo nachgerüstet werden kann und 
ob besonders anfällige Kraftwerke vorzeitig stillgelegt werden müssten.

Auch der Vorsitzende der Reaktorsicherheitskommission, Lothar Hahn, gab 
sich im Interview skeptisch. "Man muss tatsächlich andere Lasten 
berücksichtigen, höhere Lasten als bisher bloß Kerosinbrände. Dazu hat 
man keine systematischen Untersuchungen in der Vergangenheit gemacht." 
Vor allem diese Kerosinbrände stellten aber eine erhebliche Gefährdung 
dar.
 
Aktualisiert: 02.11.2001, 06:33 Uhr