HN-St.: Wurde der Atomreaktor unerlaubt betrieben?
Heilbronner Stimme, 07.11.01
> Wurde der Atomreaktor unerlaubt betrieben?
> Staatsanwaltschaft Heilbronn ermittelt wegen Atomaffäre - Professor
Michaelis hat Festvortrag zum GKN-Jubiläum abgesagt
Von Joachim Kinzinger
Haben die Betreiber des Kernkraftwerks in Neckarwestheim den Atomreaktor
unerlaubt betrieben? Die Staatsanwaltschaft Heilbronn hat die
Ermittlungen aufgenommen. Auch beim ersten Festabend gibt es nichts mehr
zu feiern. Kurzfristig hat Professor Jörg Michaelis abgesagt.
Die Festfreude "25 Jahre Strom aus dem Steinbruch" ist den GKN-
Mitarbeitern und den Betreibern gründlich vergangen. Die Affäre um einen
Sicherheitsverstoß im Neckarwestheimer Atommeiler beschäftigt die Justiz.
Die Staatsanwaltschaft Heilbronn hat ein Ermittlungsverfahren
eingeleitet. "Der Anlass war die Medienberichterstattung", erklärt
Oberstaatsanwalt Dr. Uwe Schlosser auf Nachfrage der Heilbronner Stimme.
Anzeigen würden nicht vorliegen.
Es geht um den Verdacht des unerlaubten Betriebs von Atomkraftwerken nach
Paragraf 327 des Strafgesetzbuchs.
Darin heißt es: "Wer ohne die erforderliche Genehmigung oder entgegen
einer vollziehbaren Untersagung eine kerntechnische Anlage betreibt . . .
oder eine solche Anlage oder ihren Betrieb wesentlich ändert. . . , wird
mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."
Den Sicherheitsverstoß im ersten Block des Kernkraftwerks Neckarwestheim hatte die Energie Baden-Württemberg (EnBW) nach der Pannenserie in den Philippsburger Reaktoren bekannt gegeben.
Beim Anfahren nach der Revision 1997 war der Flüssigkeitsstand im Notkühlsystem um vier Prozent zu niedrig.
Die Ermittlungen seien gerade angelaufen. "Zunächst brauchen wird noch Unterlagen oder das Betriebshandbuch", sagt der Heilbronner Oberstaatsanwalt. Den Zeitrahmen kann Schlosser nicht abschätzen: " Dies hängt vom Umfang
der Ermittlungen ab." Es stelle sich die Frage, ob der Verstoß bei GKN den Paragraf 327 erfülle.
"Wir wussten bis heute nichts davon", nahm GKN-Pressesprecher Uwe Mundt zu den Ermittlungen Stellung.
Kurzfristig mussten die Manager auch den Auftakt zur den Veranstaltungen "25 Jahre GKN Block 1" gestern Abend absagen. Der Mainzer Professor Jörg Michaelis gab den Veranstaltern einen Korb und ließ sich nicht mehr umstimm
en.
Der Medizinstatistiker begründete dies so: Er fühle sich als geplanter Redner beim GKN-Jubiläum zwischen Satire und Jazz nicht am rechten Platz. "Wir finden es bedauerlich, müssen es aber zur Kenntnis nehmen ", erklärt Mu
ndt. 300 geladene Gäste wurden wieder ausgeladen.
Der Leiter des Instituts für Medizinische Statistik und Dokumentation der
Uni Mainz sollte über die Häufigkeit von Krebserkrankungen im Umkreis von
Meilern referieren.
Nach seinen Studien stellen deutsche Kernkraftwerke im Normalbetrieb
"kein erhöhtes Krebsrisiko für in der Nähe lebende Kinder dar".
Vor 600 geladenen Gästen sollen Bodo H. Hauser und Ulrich Kienzle
Deutschland kritisch und satirisch am Donnerstagabend bei GKN
durchleuchten. "Wir haben nochmals nachgefragt. Sie kommen", gibt sich
Mundt zuversichtlich.
Der Jazz-Frühschoppen mit der Gruppe "Flat Attack" am Samstag von 11 bis
14 Uhr mit Weißwurst, Brezel und Bier ist für ein großes Publikum
vorgesehen.
Der Eintritt ist frei.