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ddp: «Massive Protestbewegung»



DDP, 31.10.05

> «Massive Protestbewegung»

Berlin (ddp). Im Streit um eine mögliche Abkehr vom Atomausstieg unter 
einer großen Koalition werden die Töne schärfer. Grünen-Chefin Claudia 
Roth warf den Energieversorgungsunternehmen am Montag vor, sie setzten 
mit ihrer Forderung nach längeren Laufzeiten der Atommeiler «den inneren 
Frieden in diesem Land aufs Spiel». Der scheidende Bundesumweltminister 
Jürgen Trittin (Grüne) betonte mit Blick auf mögliche Terroranschläge, 
ein längerer Betrieb insbesondere der älteren Atomkraftwerke (AKW) über 
die vereinbarten Laufzeiten hinaus sei nicht zu verantworten.

Roth sagte zum bevorstehenden Gespräch zwischen Trittins designiertem 
Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) und CSU-Chef Edmund Stoiber, sie erwarte 
von der SPD, dass sie an dem unter Rot-Grün erzielten Atomkonsens 
festhalte. «Wer das zurückdrehen will, der muss sich darauf einstellen, 
dass er mit einer massiven Protestbewegung konfrontiert wird», warnte 
Roth. In dieser Protestbewegung würden die Grünen eine entscheidende 
Rolle spielen.

Das Bundesumweltministerium erklärte, dass die von den AKW-Betreibern zum 
Schutz vor Terrorangriffen vorgesehenen Tarnmaßnahmen wie etwa das so 
genannte Vernebelungskonzept nur dann ausreichend seien, wenn am 
Atomkonsens festgehalten werde. Diese Tarnmaßnahmen seien nur dazu 
geeignet, das Angriffsrisiko bis zur gesetzlich vorgeschriebenen 
Abschaltung auf ein «vertretbares Maß» zu reduzieren. Jede Verlängerung 
der Restlaufzeit bedeute, dass auch das Terrorrisiko länger hingenommen 
werden müsste.

Insbesondere bei alten Atommeilern wie Biblis A oder Neckarwestheim I, 
deren Abschaltung in naher Zukunft vorgesehen ist, würde «der 
Risikobeitrag bei einer Laufzeitverlängerung überproportional erhöht». 
Eine Strommengenübertragung auf diese oder vergleichbare Atomkraftwerke 
sei deshalb «aus sicherheitstechnischer Sicht ausgeschlossen», 
unterstrich Trittin.

Der Chef der IG Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE), Hubertus Schmoldt, 
betonte indes, dass die Wirtschaft durch längere Laufzeiten langfristig 
Strom billiger herstellen könne. «Diese günstigeren Entstehungskosten 
müssten sich dann auch in den Preisen wieder finden. Ob man diese Preise 
an die Verbraucher weiterreicht, ist eine Frage der Gespräche, die die 
Politik mit der Wirtschaft zu führen hat», sagte Schmoldt weiter.

Er verwies darauf, dass sich die IG BCE in einem von Gewerkschaften und 
Energieunternehmen verfassten Papier dafür ausspreche, die Laufzeiten von 
Kernkraftwerken von deren Sicherheitsstandards abhängig zu machen. «Das 
bedeutet, dass man bei der Frage, zu welchem Zeitpunkt welches 
Kernkraftwerk stillgelegt wird, nicht schlicht die durchschnittliche 
Laufzeit von 32 Jahren zugrunde legt», sagte Schmoldt. Vielmehr sollten 
die Atommeiler mit den modernsten Sicherheitsstandards länger laufen. Es 
sei eine «verkürzte Wahrnehmung», wenn «die Wirtschaft und einige 
Politiker eine generelle Laufzeitverlängerung daraus lesen».