Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim 

»Skandalanlage Sellafield «

Juni 05

The mighty Atom ist ein knubbelnasiges und glubschäugiges, sympathisch dreinblickendes Ding. Im britischen Sellafield fungiert es als Werbe - Botschafter der Atomindustrie. Im dortigen Infocenter lässt es beispielsweise im "atomic theatre" vor begeistertem Publikum Größen der Atomforschung Cancan tanzen. Und in einem sogenannten "Recyclorama" darf the mighty atom mit seinen Kumpanen infantil kreischend die sogenannten "faszinierenden" Fakten des Recycling von Brennelementen vermitteln.
Gefahren? Fehlanzeige.
Schon 1997 zeigte sich der damalige GKN-Chef Wiedemann beeindruckt von der Infotainment - Show in Sellafield, die jährlich 150.000 Bebsucherinnen und Besucher anzieht. Mit einer berechnenden Verniedlichungstaktik soll die Show dem Publikum vor allem eins Vermitteln: Die Sellafield-Betreiber haben die Sache fest im Griff, sie sind Herrscher über eine Technologie, ohne die die Menschheit nicht auskommt.
Bei der Umgestaltung des Neckarwestheimer Infozentrums im Jahr 1999 stand dieses britische Infozentrum Pate. Aber auch sonst verbindet das AKW Neckarwestheim einiges mit der britischen Skandalanlage Sellafield.

Wie erst am 14. Mai dieses Jahres bekannt wurde, ist in der britischen Wiederaufarbeitungsanlage "Thorp" in Sellafield durch eine undichte Rohrleitung Salpetersäurelösung mit hoch radioaktivem Material ausgelaufen. Die ausgelaufenen 83.000 Liter sollen insgesamt 20 Tonnen Uran und Plutonium enthalten. Die "hochgiftige Mischung" sei in einen in einen undurchlässigen Raum geflossen. Die Reinigung dieser Stahlkammer von der Größe einer Schwimmhalle gilt als äußerst schwierig. Kein Mensch kann sie wegen der Strahlung betreten. Wie die Flüssigkeit wieder aufgesaugt und das in ihr enthaltene Uran und Plutonium unschädlich gemacht werden kann, ist nicht bekannt. Die Betreiberin BFNL redet davon, einen Spezial-Roboter konstruieren zu müssen, um sich des Schadens anzunehmen. Neben dem Grossteil Uran in der ausgelaufenen Flüssigkeit werden auch mindestens 200 Kilogramm Plutonium in der verstrahlten Stahlkammer vermutet - Material für 20 Atombomben.

Britischen Presseberichten zufolge leckte das Rohr möglicherweise schon seit August vergangenen Jahres. Es wurde aber erst am 19. April entdeckt, was laut Presseangaben auch von der Betreibergesellschaft bestätigt wurde. Der Unfall sei auf eine Verkettung von technischen und menschlichen Versagens zurückzuführen, hieß es. Die radioaktiven Abfälle, um die es geht, stammen demnach aus Deutschland.

Sellafield gehört zu den ältesten nuklearen Anlagen der Welt. Schon 1946 beschloss die britische Regierung, eine Anlage zur Anreicherung von Uran zu errichten. Nach einem drei Tage währenden Brand im Jahr 1957, eine der größten atomaren Katastrophen in der britischen Geschichte, wurden die Fabriken vorübergehend geschlossen. Damals zog eine radioaktive Wolke über Großbritannien hinweg. Der Ort wurde von Windscale in Sellafield umbenannt. Später folgten Alarmmeldungen über die Verstrahlung der irischen See. Grosse Mengen radioaktiver Stoffe wurden und werden ins Meer geleitet. Es gibt Berichte über erhöhte Leukämie-Raten in der Bevölkerung. Zu zweifelhaftem Ruhm kamen die Tauben aus Sellafield, die Greenpeace bei der Einfuhr nach Deutschland als Atommüll deklarieren musste. Erst im Februar dieses Jahres hat ein Zeitungsbericht für Aufsehen gesorgt, wonach 30 Kilogramm Plutonium aus Sellafield verschwunden waren - genug für den Bau von sieben bis acht Atombomben. Von der Betreibergesellschaft wurde dies mit Buchhaltungsproblemen erklärt.

Insgesamt lagern in Sellafield 128 Tonnen hochradioaktiver Atommüll aus den Neckarwestheimer Atomanlagen, bundesweit waren es bis zum Jahr 2002 bereits über 650 Tonnen.. Aus Neckarwestheim wurde der Atommüll mit den Transporten in den Jahren 1998 bis 2004 angeliefert. Diese Transporte dienten auch dem GKN als gesetzlich vorgeschriebener "Entsorgungsnachweis" - die Voraussetzung für die Erlaubnis zum Betrieb eines AKWs.

Bei der Wiederaufarbeitung handelt es sich keinesfalls um einen Teil eines Brennstoffkreislaufs, bei dem recycelt wird und keine Abfälle entstehen. Das Gegenteil ist der Fall. Ein verbrauchtes Brennelement enthält 95% nicht mehr verwendbares Uran und 1% hochgiftiges Plutonium. Bei der Veraarbeitung werden die Brennelemente zerkleinert. In einem schwierigen chemischen Verfahren wird das Plutonium mit siedend heißer Salpetersäure vom Uran getrennt. Alle Arbeitsschritte erfordern sehr viel Wasser, welches dann als radioaktiver Abfall ins Meer geleitet wird. In Sellafield alleine jährlich 3 Millionen Liter. Und es entstehen radioaktive Gase, die an die Umgebung abgegeben werden. Der Prozess der sogenannten Wiederaufarbeitung erhöht die Menge des radioaktiven Mülls um das 12-15-Fache. Dieser Atommüll wird in Kokillen verglast und muss vertragsgemäß nach Deutschland zurück.
Mit dem Rücktransport der insgesamt 700 Kokillen aus Sellafield soll im Jahr 2010 begonnen werden. Hierfür hat auch GKN schon vor Jahren Plätze in der Gorlebener Zwischenlagerhalle gekauft.

Auch der jüngste Sellafield-Skandal zeigt: Die Produktion von Atomstrom ist höchst riskant, gefährlich und technisch nicht sicher zu handeln. Das Atommüll-Problem ist nicht lösbar.

Die Absage des letzten Transports aus einem BRD-AKW nach Sellafield am 08. Juni 2005 kann nicht als Erfolgsmeldung verkauft werden. Sie kann allerhöchstens als ein einziger Tropfen auf den heißen Stein des Ausstiegs aus der Atomstrom und Atommüllproduktion betrachtet werden.

Die tagtägliche Atommüll-Produktion läuft weiter auf Hochtouren. Das Atommüll-Problem ist und wird weiterhin unlösbar sein und bleiben.

 

     

 
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