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The
mighty Atom ist ein knubbelnasiges und glubschäugiges, sympathisch
dreinblickendes Ding. Im britischen Sellafield fungiert es als Werbe
- Botschafter der Atomindustrie. Im dortigen Infocenter lässt
es beispielsweise im "atomic theatre" vor begeistertem
Publikum Größen der Atomforschung Cancan tanzen. Und
in einem sogenannten "Recyclorama" darf the mighty atom
mit seinen Kumpanen infantil kreischend die sogenannten "faszinierenden"
Fakten des Recycling von Brennelementen vermitteln.
Gefahren? Fehlanzeige.
Schon 1997 zeigte sich der damalige GKN-Chef Wiedemann beeindruckt
von der Infotainment - Show in Sellafield, die jährlich 150.000
Bebsucherinnen und Besucher anzieht. Mit einer berechnenden Verniedlichungstaktik
soll die Show dem Publikum vor allem eins Vermitteln: Die Sellafield-Betreiber
haben die Sache fest im Griff, sie sind Herrscher über eine
Technologie, ohne die die Menschheit nicht auskommt.
Bei der Umgestaltung des Neckarwestheimer Infozentrums im Jahr 1999
stand dieses britische Infozentrum Pate. Aber auch sonst verbindet
das AKW Neckarwestheim einiges mit der britischen Skandalanlage
Sellafield.

Wie
erst am 14. Mai dieses Jahres bekannt wurde, ist in der britischen
Wiederaufarbeitungsanlage "Thorp" in Sellafield durch
eine undichte Rohrleitung Salpetersäurelösung mit hoch
radioaktivem Material ausgelaufen. Die ausgelaufenen 83.000 Liter
sollen insgesamt 20 Tonnen Uran und Plutonium enthalten. Die "hochgiftige
Mischung" sei in einen in einen undurchlässigen Raum geflossen.
Die Reinigung dieser Stahlkammer von der Größe einer
Schwimmhalle gilt als äußerst schwierig. Kein Mensch
kann sie wegen der Strahlung betreten. Wie die Flüssigkeit
wieder aufgesaugt und das in ihr enthaltene Uran und Plutonium unschädlich
gemacht werden kann, ist nicht bekannt. Die Betreiberin BFNL redet
davon, einen Spezial-Roboter konstruieren zu müssen, um sich
des Schadens anzunehmen. Neben dem Grossteil Uran in der ausgelaufenen
Flüssigkeit werden auch mindestens 200 Kilogramm Plutonium
in der verstrahlten Stahlkammer vermutet - Material für 20
Atombomben.
Britischen
Presseberichten zufolge leckte das Rohr möglicherweise schon
seit August vergangenen Jahres. Es wurde aber erst am 19. April
entdeckt, was laut Presseangaben auch von der Betreibergesellschaft
bestätigt wurde. Der Unfall sei auf eine Verkettung von technischen
und menschlichen Versagens zurückzuführen, hieß
es. Die radioaktiven Abfälle, um die es geht, stammen demnach
aus Deutschland.
Sellafield gehört zu den ältesten nuklearen Anlagen der
Welt. Schon 1946 beschloss die britische Regierung, eine Anlage
zur Anreicherung von Uran zu errichten. Nach einem drei Tage währenden
Brand im Jahr 1957, eine der größten atomaren Katastrophen
in der britischen Geschichte, wurden die Fabriken vorübergehend
geschlossen. Damals zog eine radioaktive Wolke über Großbritannien
hinweg. Der Ort wurde von Windscale in Sellafield umbenannt. Später
folgten Alarmmeldungen über die Verstrahlung der irischen See.
Grosse Mengen radioaktiver Stoffe wurden und werden ins Meer geleitet.
Es gibt Berichte über erhöhte Leukämie-Raten in der
Bevölkerung. Zu zweifelhaftem Ruhm kamen die Tauben aus Sellafield,
die Greenpeace bei der Einfuhr nach Deutschland als Atommüll
deklarieren musste. Erst im Februar dieses Jahres hat ein Zeitungsbericht
für Aufsehen gesorgt, wonach 30 Kilogramm Plutonium aus Sellafield
verschwunden waren - genug für den Bau von sieben bis acht
Atombomben. Von der Betreibergesellschaft wurde dies mit Buchhaltungsproblemen
erklärt.
Insgesamt lagern in Sellafield 128 Tonnen hochradioaktiver Atommüll
aus den Neckarwestheimer Atomanlagen, bundesweit waren es bis zum
Jahr 2002 bereits über 650 Tonnen.. Aus Neckarwestheim wurde
der Atommüll mit den Transporten in den Jahren 1998 bis 2004
angeliefert. Diese Transporte dienten auch dem GKN als gesetzlich
vorgeschriebener "Entsorgungsnachweis" - die Voraussetzung
für die Erlaubnis zum Betrieb eines AKWs.
Bei
der Wiederaufarbeitung handelt es sich keinesfalls um einen Teil
eines Brennstoffkreislaufs, bei dem recycelt wird und keine Abfälle
entstehen. Das Gegenteil ist der Fall. Ein verbrauchtes Brennelement
enthält 95% nicht mehr verwendbares Uran und 1% hochgiftiges
Plutonium. Bei der Veraarbeitung werden die Brennelemente zerkleinert.
In einem schwierigen chemischen Verfahren wird das Plutonium mit
siedend heißer Salpetersäure vom Uran getrennt. Alle
Arbeitsschritte erfordern sehr viel Wasser, welches dann als radioaktiver
Abfall ins Meer geleitet wird. In Sellafield alleine jährlich
3 Millionen Liter. Und es entstehen radioaktive Gase, die an die
Umgebung abgegeben werden. Der Prozess der sogenannten Wiederaufarbeitung
erhöht die Menge des radioaktiven Mülls um das 12-15-Fache.
Dieser Atommüll wird in Kokillen verglast und muss vertragsgemäß
nach Deutschland zurück.
Mit dem Rücktransport der insgesamt 700 Kokillen aus Sellafield
soll im Jahr 2010 begonnen werden. Hierfür hat auch GKN schon
vor Jahren Plätze in der Gorlebener Zwischenlagerhalle gekauft.
Auch
der jüngste Sellafield-Skandal zeigt: Die Produktion von Atomstrom
ist höchst riskant, gefährlich und technisch nicht sicher
zu handeln. Das Atommüll-Problem ist nicht lösbar.
Die
Absage des letzten Transports aus einem BRD-AKW nach Sellafield
am 08. Juni 2005 kann nicht als Erfolgsmeldung verkauft werden.
Sie kann allerhöchstens als ein einziger Tropfen auf den heißen
Stein des Ausstiegs aus der Atomstrom und Atommüllproduktion
betrachtet werden.
Die
tagtägliche Atommüll-Produktion läuft weiter auf
Hochtouren. Das Atommüll-Problem ist und wird weiterhin unlösbar
sein und bleiben.
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