Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim 
Umweltminister prüft 
Genehmigungen ohne Anhörung der Öffentlichkeit
    Berliner Zeitung, 21.10.99

    Rechtsprobleme bei Atom-Lagerung
    Umweltminister prüft Genehmigungen ohne Anhörung der Öffentlichkeit

    Christian Schwägerl

    BERLIN, 20. Oktober. Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) stößt mit 
    seinem Plan, in Kernkraftwerken neue Lagerkapazitäten für Atommüll zu 
    schaffen, nach Informationen der "Berliner Zeitung" auf unerwartete 
    rechtliche Schwierigkeiten. Fachleute der Regierung gehen davon aus, dass 
    das Vorhaben nur realisierbar ist, wenn die Beteiligung der Öffentlichkeit
     am Genehmigungsverfahren eingeschränkt wird. Nach dem Atomgesetz bedürfen
     wesentliche Änderungen an einer Atomanlage eines Genehmigungsverfahrens, 
    an dem die Öffentlichkeit beteiligt wird. Da die neuen Lagermöglichkeiten 
    aber binnen Monaten geschaffen werden müssten, bliebe für ein 
    Anhörungsverfahren keine Zeit.

    Das Umweltministerium hat für kommenden Montag Experten der Länder und der
     Energiekonzerne zu einem Gespräch über die Entsorgungsengpässe geladen. 
    Trittin möchte die Lagerkapazitäten an vier Kraftwerkstandorten erweitern,
     weil ansonsten Abtransporte von Atommüll unausweichlich wären, sollen die
     Anlagen nicht im ersten Halbjahr 2000 stillgelegt werden. In den 
    Kraftwerken Stade, Biblis, Neckarwestheim und Phillipsburg sind die 
    Lagerbecken so voll, dass die nächste Ladung verbrauchter Kernbrennstäbe 
    keinen Platz mehr hätte. Trittin möchte Transporte aber wegen des 
    Widerstands von Atomkraftgegnern vermeiden. Zudem ist unsicher, ob die 
    Energiekonzerne rechtzeitig nachweisen können, dass die Transportbehälter 
    nicht wie in vielen Fällen vor 1998 radioaktiv belastet sind.

    Nutzung der Notfallreserven

    Trittin hat seinen Plan Mitte September den Chefs der Stromkonzerne 
    unterbreitet, mit der Maßgabe, dass diese sein Atomausstiegsmodell 
    akzeptieren müssen. Der Plan sieht vor, Castor-Behälter mit abgebrannten 
    Brennelementen zu beladen und solange auf dem Kraftwerksgelände zu lagern,
     bis die von der Regierung geforderten standortnahen Zwischenlager gebaut 
    sind. Zudem prüft das Ministerium, ob so genannte Freihaltepositionen für 
    Brennelemente künftig genutzt werden können. Dieser Lagerraum war bisher 
    aus Sicherheitsgründen für den Fall reserviert, in dem der Reaktorkern bei
     einem Störfall schnell ausgebaut und untergebracht werden muss.

    Der Ministerium prüft nun, ob das geltende Atomgesetz einen Weg an der 
    Öffentlichkeitsanhörung vorbei gestattet oder ob neue Vorschriften nötig 
    sind. Alternativ war erwogen worden, dass der Atommüll in eine 
    "Staatsverwahrung" übergeht, wofür keine Anhörung nötig ist. Das Modell 
    wurde verworfen, weil damit die Verantwortung für die Entsorgung des Mülls
     dem Staat übertragen würde.


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