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SWP: Atomaufsicht zu locker betrieben



Südwestpresse, 25.10.02

KERNKRAFTWERKE / Kritik an Staatssekretär

> Atomaufsicht zu locker betrieben
> Mappus meint: An Pannen keine Schuld

Nur ganz langsam tastet sich der Atom-Untersuchungsausschuss heran an die 
politisch Verantwortlichen für die lange Pannenserie im Kernkraftwerk 
Philippsburg.

ANDREAS BÖHME
STUTTGART Für die SPD ist bereits nach der Vernehmung von Umwelt-
Staatssekretär Mappus (CDU) klar: So stellen wir uns die Atomaufsicht 
nicht vor. Gespannt hatten die SPD-Mitglieder im Atomausschuss auf die 
Vernehmung von Mappus gewartet. Der, so Rainer Stickelberger, habe 
frühzeitig von der Panne gewusst, nichts unternommen und dies auch noch 
verschwiegen. 
 
Doch in der gerade nur halbstündigen Zeugenvernehmung wurden Mappus keine 
Fehler nachgewiesen. Nicht zuletzt, weil Arbeitsteilung herrscht zwischen 
Mappus und seinem Minister. Dessen Stellvertreter ist nur für Verkehr, 
Boden und Wasser zuständig, für die Reaktorsicherheit hingegen 
Ressortchef Ulrich Müller selbst. Allerdings liefen sämtliche 
Störfallmeldungen auch über Mappus Tisch, rund 50 in den vergangenen drei 
Jahren. Mappus ironisch: Da sehen Sie, wie fleißig ich bin; denn alle 
Meldungen hat er abgezeichnet - nur hinterfragt hat er sie nicht, sofern 
sie vom Kraftwerkbetreiber ENBW in die unterste aller Kategorien 
eingereiht wurden. Darum sei aus dem Vermerk, in den Notfall-
Kühlbehältern sei zu wenig Borsäure enthalten, auch nicht der Schluss zu 
ziehen gewesen, es sei etwas schiefgelaufen. 
 
Erst nach dem 2. Oktober 2001 und einer Unterredung zwischen 
Umweltminister Müller und Dietmar Keil, dem Leiter der Abteilung 
Reaktorsicherheit, hätten die Alarmglocken geschrillt. Warum allerdings 
dann auf einer Sitzung der nationalen Reaktor-Sicherheitskommission zwei 
Tage später, am 4. Oktober, die Vertreter des Landes "immer noch wie die 
Blindschleichen durchgelaufen" seien und den Störfall kleingeredet hatten 
- diese Frage beschäftigte lediglich einen Berater der Grünen, nicht aber 
die Fragerunde im Untersuchungsausschuss selbst. 
 
Für Walter Caroli (SPD), den stellvertretenden Ausschusschef, ist dennoch 
klar: Weil Mappus vor dem Abhaken der Störmeldungen weder nachgefragt hat 
noch wissen wollte, ob die Meldung überhaupt richtig kategorisiert wurde 
(was nicht der Fall war, aber erst im Nachhinein erkannt wurde) - 
deswegen habe die Atomaufsicht versagt. 
 
Reichlich Bedenkzeit 
 
Zuvor hatten die Parlamentarier eine Reihe von Betriebsräten vernommen 
sowie den Leitenden Ministerialrat im Umweltministerium in Stuttgart. Der 
vermochte sich zwar nur mit äußerster Mühe und nach reichlich Bedenkzeit 
an die eigene Wohnadresse zu erinnern, verneinte dann aber flüssig, dass 
es in der Atomaufsicht Pannen gegeben habe. Schließlich sei für die 
Einstufung eines Störfalls eben allein der Betreiber zuständig. Die 
Diskussion um eine spätere Hochstufung von Störmeldungen indes, so 
bürstete der Beamte die Parlamentarier ab, befasse sich mit großem 
Engagement mit der Lösung von Scheinproblemen. 
 
Das versprochene neue Sicherheitsmanagement der ENBW sei derweil noch 
immer im Entwurfsstadium, und auch personelle Konsequenzen auf 
Schichtebene seien ausgeblieben, berichtete ein Ex-Betriebsratschef.