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FR: Viele sehen Bure schon als Endlager



Frankfurter Rundschau, 25.11.02

Frankreich 

> Viele sehen Bure schon als Endlager 

Von Hans-Hagen Bremer (Paris) 

Offiziell handelt es sich nur um ein Labor, in dem in einer tief unter 
der Erdoberfläche liegenden Tonschicht die Lagerung von Nuklearmüll 
getestet werden soll. Umweltschützer befürchten jedoch, dass mit den 
Bohrungen in Lothringen bereits die Entscheidung für den Standort des 
künftigen französischen Endlagers gefallen ist.

Seit zwei Jahren wird bei dem kleinen Ort Bure nahe der lothringischen 
Stadt Bar-le-Duc gebohrt. Technische Schwierigkeiten haben die Arbeiten 
immer wieder gebremst. Zuletzt zwangen zwei Arbeitsunfälle zu längeren 
Unterbrechungen. Doch das Ziel steht fest. Bis 2004 soll in 490 Meter 
Tiefe ein Laboratorium entstehen, in dem Wissenschaftler der 
französischen Atommüllagentur Andra die Möglichkeiten der Lagerung 
abgebrannter Kernbrennstäbe erforschen sollen. Den Standort für die 
geplanten Tests hatte man 1998 gewählt, da unter der von Kalk und Mergel 
gebildeten Oberfläche eine etwa 130 Meter starke Tonschicht liegt. Einige 
Experten sehen sie als eine Art geologischen Panzerschrank an, in dem 
sich hoch radioaktiver Atommüll sicher einschließen ließe. Sollte sich 
diese Annahme bestätigen, könnte das unterirdische Labor in der Zukunft 
zur definitiven Grabstätte des französischen Atommülls ausgebaut werden. 
2006 soll das Parlament in Paris schließlich darüber entscheiden.

Als die Linksregierung des Sozialisten Lionel Jospin 1998 diesen Plan zur 
Lösung des Problems der Endlagerung aufstellte, musste sie dem Grünen-
Koalitionspartner zahlreiche Zugeständnisse machen. So wurde damals 
festgelegt, dass noch an einem weiteren Ort mit anderen geologischen 
Gegebenheiten Bohrungen unternommen werden. Ferner sollte die spätere 
Endlagerung "nicht unumkehrbar" sein, die in der Tiefe vergrabenen Müll-
Container sollten also jederzeit wieder an die Erdoberfläche geholt 
werden können, wenn dies aus technischen Gründen notwendig wäre. Doch ein 
zweites Bohrprojekt gab es nie, und vom Prinzip der Umkehrbarkeit der 
späteren Lagerung war auch bald keine Rede mehr. Michèle Rivasi, eine 
unabhängige Nuklearexpertin, spricht deshalb von einem "getarnten 
Vorgehen". Die Entscheidung für die Lagerung in großer Tiefe stehe schon 
fest und werde in hundert Jahren von niemandem mehr rückgängig gemacht.

Anfangs zogen französische Nukleargegner noch jeden Sommer nach Bure. 
Doch die Bevölkerung hat mittlerweile resigniert, und die lokalen 
Volksvertreter haben sich arrangiert. Überall in den Dörfern rund um Bure 
hat die Andra neue Kindergärten und Gemeindesäle gestiftet oder Kirchen 
renovieren lassen.