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StZ: Tödlicher Protest



Stuttgarter Zeitung, Kommentar, 10.11.04

> Unglück beim Castor-Transport
> Tödlicher Protest

Von Joachim Worthmann

Der Tod eines jungen Franzosen beim Protest gegen den neuen Castor-
Transport hat seinen Eindruck auf die deutsche Anti-Atom-Bewegung nicht 
verfehlt. Ihre tiefe Betroffenheit, ja Trauer ist gewiss ehrlich, wissen 
die Aktivisten doch nur zu gut, welches Risiko sie eingehen, wenn sie bei 
ihren Operationen die Grenzen einer normalen Demonstration überschreiten. 
Und doch fühlen sie sich in ihrem Widerstand gegen die Atomwirtschaft 
immer wieder bemüßigt, auch das gefährlich Spektakuläre zu wagen. Weil es 
Schlagzeilen bringt, weil es Fernsehbilder einträgt und weit 
Medienwirkung nicht zuletzt den Zusammenhalt stärkt. Nun hat die 
öffentlichkeitsbewusste Risikobereitschaft ein Todesopfer gefordert - im 
benachbarten Frankreich, von wo der Atommüll seinen Weg zurück nach 
Deutschland nahm. Das ist umso tragischer, als die deutsche Regierung 
doch bereits den Atomausstieg eingeleitet hat. Eben deshalb st dieser Tod 
auch so schrecklich sinnlos.

Und die Wortführer der Protestszene sollten sich schon fragen, ob es 
nicht an der Zeit t, sich von ihrer Demonstrationsroutine zu 
verabschieden. Schließlich geht es bei den anstehenden Transporten ganz 
in ihrem Sinne nicht mehr um Auf- oder gar Ausbau er Kernenergie, sondern 
um deren Abwicklung. Der strahlende Müll, der die Castoren füllt, ist 
unser Müll. Es ist unsere schlichte Pflicht und Schuldigkeit, ihn im 
eigenen Land zu lagern. Oder sollen sich die Deutschen aus ihrer 
Verantwortung stehlen? Überzeugungstäter wird man kaum mit dem Hinweis 
auf die enormen Kosten der Sicherung der Transporte beeindrucken können, 
auch wenn das allemal ein Argument ist. Aber das Sterben eines jungen 
Mannes müsste eigentlich mehr auslösen als nur Trauerbekundungen.